Was halten Sie – von Ironie?

Juli 26, 2020 admin No comments exist

In Deutschland sind wir ja nicht so dafür. Das liegt daran, dass Ironie (darin liegt ihr Sinn und Zweck) nicht der Wahrheit entspricht. Und wir sind ein durch und durch wahrheitsliebendes Volk. Doch, wir haben auch Sinn für Humor – Wilhelm Busch und Loriot und so, köstlich – aber wir können herzlicher darüber lachen, wenn man uns zeigt, wie’s nun mal wirklich ist – haha. Anstatt etwas auszusprechen, das so ja gar nicht stimmt … mmh.

Bereits der Satz ‘Das hat mir gerade noch gefehlt’ ist gewissermaßen ironisch und bedeutet das Gegenteil. Das ist dann, bis auf den Grund betrachtet, gelogen. Hat mir ja gar nicht gefehlt. Ein echter Deutscher ist stolz darauf, in jeder Lebenslage die Wahrheit zu sagen, auch, wenn’s weh tut oder überflüssig ist.

Meiner Meinung nach haben die Engländer Ironie erfunden und hegen und pflegen sie täglich. Gespräche dieser Art können sehr amüsant sein – wenn auch gefährlich unehrlich.

Falls in Deutschland jemand in einem Forum oder dergleichen wagt, etwas Ironisches zu sagen, dann kennzeichnet er das für gewöhnlich mit ‘Ironie an’ und ‘Ironie aus’. Das entfernt zwar völlig die Pointe aus der Sache, verhindert jedoch, missverstanden zu werden. Eine andere Methode ist, nach so einer Bemerkung ‘Zwinker!’ zu schreiben. Ein grinsendes, augenzukneifendes Smiley geht auch. Gern gesehen ist das alles nicht, es befremdet. Wir wollen doch ehrlich sein, oder?

Ich lese gerade ein Buch der verstorbenen Schauspielerin Carrie Fischer (Prinzessin Leia), bekam es irrtümlich zuerst im englischen Original und war begeistert über ihren sprühenden Witz. Dann erhielt ich das Buch in der deutschen Übersetzung und hab ein paar vereinzelte Schauer geweint über das, was dieser leichten, sehr ironischen Sprache da angetan wird. Der (männliche) Übersetzer tritt fest und konsequent auf jede Pointe, die er erwischen kann, als wäre es Ungeziefer. Nur ein einziges, trauriges Beispiel: Sie schreibt im Original At the ripe old age of eighteen month … Der Übersetzer macht daraus; Im “reifen” Alter von achtzehn Monaten … Damit niemand etwa denken könnte, Carrie Fisher glaubt wirklich, sie sei als Baby schon reif gewesen. Zwinker.

Kinder, wird behauptet, verstünden keine Ironie. Hierzulande wohl eher nicht. Ich war sehr früh daran gewöhnt – mein Vater sprach kaum einen Satz ohne Ironie – und hab sie nicht nur verstanden, sondern selbst angewandt. Ganz sicher einer der Gründe, weshalb ich ein wenig sympathisches und unbeliebtes Kind gewesen bin.

Aber Tiere haben nun wirklich keinen Sinn dafür, oder?

Mein Dackel Napoleon hat mich häufig sehr gekonnt ironisiert. Beispielsweise ging ich an einem extrem heißen Sommer-Sonntag mitten in den großen Ferien mit ihm in der Stadt spazieren. Es war absolut menschenleer, sehr ungewöhnlich, und wir schlichen beide viel langsamer als sonst durch die bruttige Stille.

Napoleon war gewöhnt, an jeder Straße, die wir kreuzten, mit den Pfoten an der Kante stehenzubleiben und auf mein Kommando zu warten (denn normalerweise waren die Straßen in unserer Gegend vielbefahren). Ich schaute dann aufmerksam links und rechts, und wenn ich eine entsprechende Lücke sah, sagte ich, scharf und knapp: “Lauf!!!”, worauf mein kleiner Kumpel so schnell wie möglich auf die andere Seite prasselte, ich hinterher.

Diesmal war das wahrhaftig völlig überflüssig, weil nirgends ein Auto fuhr. Trotzdem blieb mein Hund natürlich, brav und gehorsam, an der Straßenkante stehen. Ich war an diesem Nachmittag tief in Gedanken, und ohne die Situation zu berücksichtigen, sagte ich im selben Befehlston wie immer: “Lauf!!!”

Der Dackel warf mir von unten einen schrägen Blick zu, der wirkte wie: “Heiß heute, hm?” – blieb noch einen Moment ruhig stehen – und pfiff dann über die Straße in einem Tempo, als gälte es das Leben, als kämen von allen Seiten schnelle Wagen auf ihn zu. Auf der anderen Seite drehte er sich gemächlich zu mir um und grinste, wie nur Hunde grinsen können. Das war reine, sehr gekonnte Ironie.

Aber der Dackel stammte auch nicht aus Deutschland …

Glücksfaktor: Jedem sein eigener Humor. Zwinker.

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