Wenn ich mir so beim Husten zuhöre …

Februar 8, 2020 admin No comments exist

… dann fällt mir die Kameliendame ein, die sich ebenfalls zu Tode gebellt hat.

Es gab sie wirklich. Sie hieß Alphonsine Plessis, wurde 1824 in einem winzigen Dorf in der Normandie geboren, in allerbescheidensten Verhältnissen. Sie musste sehr früh für ihren Lebensunterhalt sorgen. Kurz, bevor sie fünfzehn wurde, zog sie nach Paris, wo sie in einer Wäscherei arbeitete und außerdem versuchte, Aufträge als Putzmacherin zu bekommen, also Hutdekorationen anzufertigen.

Doch inzwischen zeigte sich, dass Alphonsine über beträchtliche äußere Werte verfügte. Sie war bildhübsch, zart und anmutig. Der wohlhabende Herr, der dies zuerst erkannte, richtete ihr eine eigene kleine Wohnung ein, unter der Voraussetzung, dass er sie, als guter Freund, immer wieder besuchen durfte.

Eine eigene Wohnung ist für einen Menschen, der bis dahin kein eigenes Bett kannte, geschweige denn ein eigenes Zimmer, ein überwältigender Reichtum. Alphonsine blühte auf. Sie holte tief Atem und streckte sich.

Zunächst verpasste sie sich selbst einen neuen Namen – Marie Duplessis – und damit eine neue Identität. Sie lernte immerhalb weniger Monate Lesen, Schreiben und Klavierspielen. Das war die Grundlage. Daraus ließ sich etwas machen.

Die neue Marie Duplessis schulte sich nach allen Seiten. Wenn sie Herren der Gesellschaft verzaubern wollte, dann brauchte sie Bildung, Wissen über Kultur und guten Geschmack. Sie leistete sich entsprechende Lehrer und sie paukte in jedem Augenblick ihrer Freizeit, große Dame zu sein. Alle, die sie kannten, berichteten übereinstimmend, diesen Eindruck habe sie mühelos verbreitet. Niemand, der sie kennenlernte und der es nicht wusste, hätte sie für eine Prostituierte gehalten. Was sie ja auch nicht war – für eine Frau ihrer Art existierte der Begriff Kurtisane, bedeutend respektvoller ausgesprochen. Eine Prostituierte wurde benutzt, eine Kurtisane vergöttert. Kassieren taten beide, in sehr unterschiedlichen Preisklassen.

Längst war ihr erster Gönner passé – Marie benötigte viel mehr Geld, als er hatte, um zu leben, wie sie wollte. Ihr neues Appartement war groß und erlesen ausgestattet, sie besaß ihre eigene Kutsche samt Kutscher und natürlich Köchin und Zofe. Sie gab Gesellschaften und sie ging zu Gesellschaften, sie verkehrte mit der Elite von Paris, vorzugsweise mit Künstlern. (Allerdings mussten die erfolgreich sein; talentierte arme Schlucker hätten es sich nicht leisten können, Marie auch nur den Rocksaum zu küssen.) Zu ihren Liebhabern gehörten Alexandre Dumas und Franz Liszt. Sie hatte Stil, sie machte Mode.

Eine ihrer kleinen Ideen wurde, schon wegen der Gewagtheit, Legende: Sie trug an ungefähr 25 Tagen im Monat weiße Kamelienblüten am Ausschnitt und im Haar. Die letzten sechs oder sieben Tage lang rote. In dieser Zeit war ihr Geschäft geschlossen.

Es gibt eine Beschreibung ihrer Person, weil sie sich einen Pass bestellte, um nach England zu reisen. Demnach hatte sie hellbraunes Haar (es war aber eher ganz dunkelaschblond, fast schwarz) braune Augen, eine niedrige Stirn, einen mittelgroßen Mund und ein ovales Gesicht.

Was nicht im Ausweis steht, jedoch damals schon gehört werden konnte, war ihr Husten.

Den Pass übrigens benötigte sie, um zu heiraten: Im Januar 1846 wurde sie auf einem Londoner Standesamt die Frau von Èdouard de Perregeaux, den Sohn eines sehr reichen Grafen und Politikers. Sie war ihm einige Jahre vorher auf einem Maskenball in Paris begegnet und beide hatten sich verliebt.

Das war ungünstig; für eine Kurtisane geschäftsschädigend und unpraktisch, zu einem einzigen Mann zu gehören, der vermutlich wenig davon hielt, dass sie weiter ihrem Gewerbe nachging. Für den Sohn eines Mitglieds der guten Gesellschaft, mit so einer Frau verheiratet zu sein. Aber eigentlich war das nicht mehr so wichtig, denn Marie starb sowieso ungefähr ein Jahr später, Anfang Februar 1847, an der Schwindsucht. Da war sie seit ein paar Wochen 23 Jahre alt.

Alexandre Dumas schrieb einen Roman über die Kameliendame, und machte, weil das so ein großer Erfolg wurde, gleich noch ein Theaterstück draus. Giuseppe Verdi ließ sich davon zu seiner Oper ‘La Traviata’ inspirieren. Maries Leben wurde ungefähr zwanzigmal verfilmt. Greta Garbo, Isabelle Huppert, Nicole Kidman und viele andere husteten kleidsam in ihr Taschentuch …

Glücksfaktor: Ich schlucke jetzt Zwiebel-Honigsaft!

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