Wie wir noch mehr auf Rügen gewandert sind

November 5, 2019 admin No comments exist

Vor allem im Buchenhochwald. Das war schon immer mein Lieblingswald. Ich wusste nur nicht, dass er so heißt.

In diesem Jahr gibt es, am Rande bemerkt, ungeheuer viele Pilze. Braune und rote und gelbe und grüne und sandfarbene und sogar rosa Pilze jeder Größe, mit runden und flachen und hochgebogenen Hüten. Sie stehen schlichtweg überall. Wir haben die Probe gemacht, irgendwo mit geschlossenen Augen stehen zu bleiben, dann die Augen zu öffnen und nach Pilzen zu schauen: immer direkt neben uns! Sie wachsen unter Bäumen und zwischen Bäumen und auf Bäumen, sie wachsen wahrhaftig sogar am Meeresstrand zwischen Steinen, ein paar Schritte neben der Ostseebrandung … Aber am meisten pilzt es natürlich im Wald.

Der Löwe liebt es, vom Wege abzukommen. Er nennt das Anders Wandern. Es läuft darauf hinaus, nicht mehr die wandernden Menschen vorne und hinten und nebenan samt ihrer Kinder und Säuglinge und Hunde zu hören. Sondern den Wald.

Eigentlich kann man sich richtig freuen, wenn man sich verläuft, denn das ist dann völlig anders gewandert. Wir haben’s ein bisschen geschafft (glaube ich) weil der Löwe extrem schweigsam wurde und sich nur mit seinem Handy beriet und weil es wirklich immer einsamer und einsamer geworden ist. Keine Stimme, nirgendwo, ich hab auch hübsch die Klappe gehalten. Keine Vogelrufe um diese Jahres- und Tageszeit, nicht weit von der Dämmerung entfernt. Kein Wind, kein Wipfel, der sich bewegt. Nur das gleichmäßige Rascheln unserer vier Füße im Laub. Das war schon etwas ganz Besonderes, ich hab’s noch nie so erlebt. Es ist sehr gut, wenn man dann mit jemand unterwegs ist, der einen schnell in den Arm nimmt, wenn man’s braucht.

Aber wie erwartet fanden wir schließlich zum Parkplatz und zu Berbel zurück und wir haben am Abend in einem netten Restaurant gegessen, unter vielen Menschen und mit leiser Musik, als Kontrast. Das war auch schön.

Der Löwe und ich haben ja eine Menge gemeinsam. Zum Beispiel die Schusseligkeit. Dabei ist tröstlich, dass es sich keineswegs um beginnende Altersdemenz handelt: Wir waren beide als Kinder schon so.

Insofern bin ich nicht der einzige, der bei allem Gepacke was vergessen hat, (nämlich meinen Mantel). Deshalb fährt der Löwe gleich am ersten Ferientag los, sich ein bisschen Unterwäsche kaufen. Dadurch komme ich zu zwei Paar hübschen Stricksocken. Die lagen neben der Herrenwäsche und waren so niedlich … Schon wieder ein Geschenk!

Ich kann mich aber revanchieren. Als ich vor beinah zwei Jahren sah, was der tapfere Schneider um den Hals trug – eine Art breitgebügelten Schnürsenkel – hab ich ihm einen selbstgestrickten Schal geschenkt. Der fand irgendwie keine volle Zustimmung; zumindest wird er nie getragen.

Und nun kamen wir, vor dem Kap Arkona, an einem pittoreskem Gebäude vorbei, in dem eventuell das weiße Kaninchen aus Alice im Wunderland wohnen könnte. Das ist Woody’s little Britain, ein – nein, eben nicht Café. Sondern ein ganz ungemein englisches Teehäuschen inklusive typisch britischer Geschenkartikel, vom Porzellanhündchen bis zur bestickten Einkaufstasche. Mit selbstgebackener Crumble-Apple-Pie und wunderbar aromatischem Tee! In Deutschland! Na ja, der Besitzer, Woody eben, stammt aus Yorkshire.

Ich bin krankhaft anglophil, saß mit schwimmenden Augen da, trank meinen Tee und lauschte der britischen Musik. Der Löwe bekam gottseidank Kaffee, sogar guten. Und ich fand endlich auch ein Geschenk für ihn: einen grünkarierten Schal aus Lambswool.

Den trägt er sogar!

Das war, so im Wesentlichen, unser kleiner Herbsturlaub.

Ein großer Glücksfaktor: Rügen.

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